09.02. — 15.04.2021


AKIHIRO HIGUCHI – VERY, VERY STRONG
Online: ab Di, 09. Februar 2021

Die Ausstellung wird gefördert durch die STIFTUNG KUNSTFONDS und das Sonderförderprogramm NEUSTART KULTUR.



PREISLISTE
Very, Very Strong - Text Jan-Frederik Rust

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PREISLISTE
Very, Very Strong - Text Jan-Frederik Rust

Die Ausstellung Very, very strong markiert einen Wendepunkt im Schaffen des japanischen Künstlers Akihiro Higuchi. Erstmals rückt der menschliche Körper, der unserem betrachtenden Blick bislang weitgehend entzogen war, in den Mittelpunkt und verdrängt dabei Insekten, Reptilien sowie zwei- und vierbeinige Säugetiere wie Nachtfalter, Schlangen oder Biber, die üblicherweise die Hauptrollen im Werk des zeitgenössischen Bildhauers spielen. In absurd-komischen Gesten wie dem Bekleiden von Eichhörnchen oder Affen mit Rollkragenpullis und Mützen aus bunter Baumwolle oder feiner Lackmalerei im Stil alter Meister auf tiefschwarz glänzenden Chitinpanzern präparierter Hirschkäfer entlarvte Higuchi auf spielerische Weise das ambivalente Verhältnis des Menschen zum Tier, genauer gesagt, sein fragwürdiges Bedürfnis, die Natur unentwegt nach seinen Idealen umgestalten zu wollen. Für Very, very strong kehrt Higuchi nun zu anderen für ihn bekannte Themen zurück – seine Faszination für die griechische Skulptur, Besonderheiten des japanischen Volksglaubens sowie populäre Superhelden seiner Kindheit –, um mithilfe dieser unterschiedlichen Kategorien die menschliche Existenz in Zeiten von Corona neu zu reflektieren. Es ist bemerkenswert, dass sich der Ernst der Thematik dabei nicht nachteilig auf den einzigartigen Charme und Humor seiner Arbeiten ausgewirkt hat. Folglich präsentieren sich die kurios, wunderlichen, ja sogar gespenstisch wirkenden Mischwesen der aktuellen Ausstellung als Sinnbilder einer Zeit, die sich zweifelsohne nicht minder seltsam und bedrohlich anfühlt.

Eine kindlich-spielerische Auseinandersetzung mit den Schönheitsidealen der griechischen Bildhauerei ist Ausgangspunkt für verschiedene Werkreihen wie Ryūboku (Treibholz), Very, very strong oder Kenzai (Kantholz). Für die Letztere  schnitzte Higuchi unvollendete Ausführungen der Venus von Kyrene sowie des Hermes von Olympia in an übergroße Bauklötze erinnernde Holzstücke und bemalte diese anschließend mithilfe von Buntstiften, um das erotische Potential der weiblichen und männlichen Statur noch zu potenzieren. Einen Höhepunkt dieses Bestrebens offenbaren die athletischen Körper der Serie Very, very stong. Die Götterfiguren sind hier, anders als bei Kenzai, keine halb ausgearbeiteten Reliefs, sondern vollständig dreidimensional in Form gesetzte Körper. Kein in sich ruhender Kontrapost, sondern dynamische Posen erinnern an elegante Bewegungsmuster des Balletts sowie der fernöstlichen Kampkunst. In der farblichen Ausgestaltung der Figuren nimmt Higuchi direkten Bezug auf die körperbetonten Kostüme japanischer Superhelden wie Ultraman (eine Ikone der japanischen Popkultur), der seit Mitte der 1960er Jahre auf dem Fernsehschirm sowie der Kinoleinwand die Erde vor der Bedrohung durch gigantische Monster schützt. In der Betrachtung der Figuren verschmelzen unweigerlich japanische Sci-Fi-Ästhetik von gestern mit den Schönheitsidealen der griechischen Antike. Die Mühelosigkeit mit der Higuchi diese durch Jahrtausende voneinander getrennten Kulturerzeugnisse miteinander synthetisiert, verblüfft zunächst und leuchtet doch ein. Denn viele der Attribute japanischer wie auch westlicher Superhelden wie übernatürliche Stärke und Schnelligkeit oder besondere Hitzestrahlen sind antiken Vorbildern wie Herkules, Hermes und Zeus entlehnt. Da die griechischen Gottheiten bekanntlich über menschliche Gestalt verfügen, ist die Betrachtung ihrer idealtypischen Körper zwangsläufig immer auch ein Akt der Selbstreflexion.

Skulpturen wie Treibholz und Haar-Frau erzählen hingegen vom Glauben der Japaner an die Beseeltheit aller Dinge der Natur sowie von der unerschütterlichen Stärke der Frauen. Themen wie Animismus aber auch Pareidolie, also der Hang des Menschen in willkürlichen Mustern Gesichter oder Gegenstände zu erkennen (man denke an den Rorschachtest), wurden von Higuchi bereits in der Vergangenheit künstlerisch behandelt. Altes Holz ist dabei heute wie damals sein bevorzugtes Arbeitsmaterial. So dient dieses, dem japanischen Volksglaube zufolge, regelhaft als Refugium für gute und böse Geister, die sich besonders gern in antiquarischen Alltagsgegenständen niederlassen. Über die Gestimmtheit dieser übernatürlichen Wesen entscheidet interessanterweise die Sorgfalt oder aber Achtlosigkeit mit der die Gegenstände über Jahrzehnte hinweg von ihren Besitzern verwendet wurden. Higuchi verleiht dem alten Holz, anhand raffinierter, bildhauerischer Eingriffe in das Material oder aber das Hinzufügen von Gliedmaßen, menschliche, tierische oder gar gespenstische Züge, deren verblüffend real wirkender Eindruck von Lebendigkeit sowie individueller Charakter in Staunen versetzt.

Andere Arbeiten, allen voran der Schachtelmann, erweisen sich als feinfühlige Sinnbilder, die dem Einfallsreichtum und der Beständigkeit, aber auch den Ängsten und Sorgen der Menschen angesichts der anhaltenden Pandemie Ausdruck verleihen. Der Titel der aktuellen Ausstellung lässt jedoch keine Zweifel bezüglich des Ausgangs dieses noch andauernden Kampfes zwischen Gut und Böse aufkommen. Denn zum Glück, so versichert uns der Künstler mit seinen neuen Arbeiten, ist der Mensch sehr, sehr stark.

Text: Jan-Frederik Rust

Ende März erscheint ein Katalog zur Ausstellung. Wir informieren per Newsletter, Anmeldung hier.

 
Gefördert durch die Stiftung Kunstfonds und das Sonderförderprogramm NEUSTART KULTUR



         

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