04.08. — 05.09.2020


small is beautiful ²

Double espresso cup for two persona, 2020, Tatsuya Sugimoto

Akihiro Higuchi, Shiro Masuyama, Ken Matsubara, Keníchiro Taniguchi, Mariella Mosler, Tatsuya Sugimoto.


Nichts gegen teure Großformate – der Titel der Ausstellung „Small Is Beautiful“ bezieht sich nicht auf Dimensionen und Preise. Er ist einem Buch des deutsch-britische Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher entlehnt und formuliert eine achtsame Haltung, die auch in der japanischen Tradition geläufig ist: Sparsamer Einsatz der Mittel und Sorgfalt im Detail, Schönheit im Beiläufigen und Harmonie im Einklang mit der Natur.


In besonderer Weise vermitteln sich ... mehr lesen

Akihiro Higuchi, Shiro Masuyama, Ken Matsubara, Keníchiro Taniguchi, Mariella Mosler, Tatsuya Sugimoto.

Nichts gegen teure Großformate – der Titel der Ausstellung „Small Is Beautiful“ bezieht sich nicht auf Dimensionen und Preise. Er ist einem Buch des deutsch-britische Ökonomen Ernst Friedrich Schumacher entlehnt und formuliert eine achtsame Haltung, die auch in der japanischen Tradition geläufig ist: Sparsamer Einsatz der Mittel und Sorgfalt im Detail, Schönheit im Beiläufigen und Harmonie im Einklang mit der Natur.

In besonderer Weise vermitteln sich solche Gedanken in der schönen Leichtigkeit eines im Wind schwebenden Papiers mit dem Ken Matsubara auch den sonst kaum darstellbaren Luftzug sichtbar macht. Im Video „Paper in the Wind“ wird die poetische Situation auf ein altes Buch projiziert – vielleicht damit die oft gelesen Gedanken ebenfalls ins Fliegen kommen …

Das Streben, aber auch die Schwierigkeit, im Einklang mit der Natur zu leben, findet sich in der metaphorischen, konzeptuellen Foto- und Videoarbeit „Making a saddle for the Bactrian camel I shared using its own wool“. Shiro Masuyama hat als Gast bei den Nomaden in der Mongolei selbst ein Kamel geschoren und aus dessen Kamelhaar eine Art Sattel geflochten. Den hat er dann beim Ausritt mit demselben Tier genutzt: Eine freundliche, aufwendige und ungewöhnlich direkte Art von Beziehungserfahrung. Der in besonderer Weise an sozialen Prozessen interessierte Künstler lebt in Nordirland, schon das ist sicher von Bedeutung für jemanden, der auch Inszenierungen von Ein-Personen-Bars betrieben hat – eine gerade wieder sehr aktuelle Gäste-Isolation.

Die Last der Traditionen wird angedeutet, wenn die Figur des Shōtoku, eines legendären kaiserlichen Prinzen und buddhistischen Tempelgründers aus dem 7. Jahrhundert von der Wucht eines großen Statuen-Fußes bedrückt wird. Die Arbeit „Restauration – Hero – Taishi“  ist auch eine nachgeschnitzte Neudeutung eines berühmten Kinderbildnisses des verehrten japanischen Kaisers. Akihiro Higuchi verwendet hier wie in vielen anderen Arbeiten echte Antiquitäten bis hin zu Kindheitsobjekten, die ja immer schon vor dem interpretierenden, manchmal gar heilenden Eingriff des Künstlers auch eine eigene Geschichte haben.

Noch viel größere Zeiträume umspannt die kleine Tassenkeramik „Double espresso cup for two persons“ von Tatsuya Sugimoto. Im Kern aus dem Jahrtausende alten Vulkangestein der Eifel stellt sie nicht nur eine Beziehung zur Erdgeschichte her, sie ist auch ein aktuelles Beziehungsangebot: Hier ist ein „doppelter Espresso“ keine Mengenangabe oder muss gar aus zwei kleinen Tassen zusammengeschüttet werden, sondern ist als Doppeltasse ein Angebot für die Interaktion von zwei Personen zur Kreation neuer, vielleicht ritueller Trinksitten. Und sogar die Doppeltasse selbst gibt es doppelt. Ein Exemplar hat der Künstler im Laacher See versenkt. Da dieses Wasser die vollgelaufene Caldera eines möglicherweise irgendwann wieder tätig werdenden Vulkans ist, kann es sein, das wiederum in Jahrtausenden die Natur selbst dieses seltsame Artefakt eruptiv zurück ans Licht der Zukunft bringt.

Eher spielerisch sind die zusammengesetzten kleinen, als „Hecomi Garactoring - Reindeers“ bezeichneten Wesen von Keníchiro Taniguchi zu verstehen. Sie sind, ganz im Sinne der hier ja betonten Nachhaltigkeit, aus den Überbleibseln anderer Arbeiten entstanden. Diese sonst großen faltbaren Skulpturen, die aus den Formen von Rissen in städtischen Gemäuern und Pflasterungen oder aus den Umrissen ganzer Städte gewonnen werden, changieren zwischen Vermessungen des Ungesehenen und Schmuckformen, die der Verfall oder ein sozialer Organismus unwillkürlich erzeugt haben. Es ist geradezu ein Urbedürfnis der Menschen, in unbekannte Formen, seien sie groß oder klein, auch Figuren zu sehen – was früher dem Schutz vor Gefahren diente , beflügelt heute die Phantasie.

Seit Jahren für die Wiederaufwertung des Ornaments zur bewusst wahrgenommenen, wirksamen Form bekannt, zeigt die Kunstprofessorin Mariella Mosler auch, wie edel ein für die übliche Verwendung unbrauchbar gewordenes Element des Alltags sein kann: Bei ihren „Love Hearts“ werden schrumpelige, gekeimte Kartoffeln zu Wunderkammerstücken aus reinem Silber. Bereits wunderbarerweise in Herzform gewachsen, werden die Keime zu Tentakeln und Strahlen der Liebe. Ein ganz natürliches Objekt entfaltet eine hohe, fast schon religiöse  Symbolik.

Alle Arbeiten zeugen von großem Respekt für das Vorgefundene, für die Würde des Gewordenen und die Spieglung des Großen im Kleinen. Und machen auf ganz unterschiedliche Weise und in ganz verschiedenen Weltengegenden die Schönheiten des gezielten Blicks auf das oft Übersehene sichtbar.

Hajo Shiff

 

 

 

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